• 8. November 2023

Jodeln als imma­te­ri­el­les Kulturerbe

Jodeln als imma­te­ri­el­les Kulturerbe

Jodeln als imma­te­ri­el­les Kulturerbe 150 150 WSJV | ARY

Ein­ver­ständ­nis­er­klä­rung

Jodeln als immaterielles
Kulturerbe

Über die Kan­di­da­tur zur Auf­nah­me des Jodelns auf der Lis­te des imma­te­ri­el­len Kul­tur­er­bes der UNESCO wur­de bereits im «leben­dig» 05/23 berich­tet. Nach­fol­gend eini­ge erklä­ren­de Gedan­ken zu die­ser Kan­di­da­tur und den Wert im Beson­de­ren für das Jodeln und den EJV.

Imma­te­ri­el­les Kul­tur­er­be der UNESCO

Den meis­ten unter Ihnen sind wahr­schein­lich die Natur- und Kul­tur­stät­ten bekannt, die zum UNESCO-Welt­kul­tur­er­be gehö­ren. In der Schweiz sind dies zum Bei­spiel die Alt­stadt Bern, die Jung­frau-Aletsch Regi­on oder die Wein­berg-Ter­ras­sen des Lavaux. Etwas weni­ger bekannt hin­ge­gen ist die reprä­sen­ta­ti­ve Lis­te des imma­te­ri­el­len Kul­tur­er­bes der Mensch­heit, die eben­falls von der UNESCO erstellt wird. Sie besteht aus bedeu­ten­den Tra­di­tio­nen, Bräu­chen, gesell­schaft­li­chen Prak­ti­ken und Hand­werks­tech­ni­ken. Die Schweiz hat zum Bei­spiel schon die Bas­ler Fas­nacht, das Win­zer­fest von Vevey oder die Uhr­ma­cher­kunst auf die­ser Lis­te ein­ge­tra­gen. Im März 2024 erfolgt nun die Ein­ga­be für das Jodeln für einen Platz auf der Lis­te des imma­te­ri­el­len Kul­tur­er­bes der Menschheit.

Jodeln

Die Schweiz ist nicht das ein­zi­ge Land oder Regi­on auf der Erde, die die wort­lo­se auf Sil­ben basie­ren­de Art des Sin­gens kennt. In vie­len Tei­len der Welt wird eben­falls gejo­delt. Es darf aber behaup­tet wer­den, dass die Schweiz wohl das gröss­te Gebiet ist, in wel­chem das Jodeln gepflegt, über­lie­fert und wei­ter­ge­ge­ben wird. Dazu kommt, dass die Schwei­zer Jodel­sze­ne sicher die viel­fäl­tigs­te und am meis­ten ent­wi­ckel­te Jodel­viel­falt auf­weist. Grund genug die­se ein­zig­ar­ti­ge Sing­wei­se zu pfle­gen und den künf­ti­gen Gene­ra­tio­nen weiterzugeben.

Vor­ge­hen für die Ein­ga­be­bei der UNESCO

Der Gedan­ke, das Jodeln auf der Lis­te des imma­te­ri­el­len Kul­tur­er­bes der UNESCO ein­zu­tra­gen, ent­stand bereits im Jahr 2014. Damals hat­te eine Exper­ten­grup­pe im Auf­trag des Bun­des­amts für Kul­tur acht Tra­di­tio­nen, dar­un­ter das Jodeln, für einen Ein­trag bei der UNESCO vor­ge­schla­gen. Seit Beginn die­ses Jah­res gilt es nun ernst. Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter aus ver­schie­de­nen Ver­bän­den und Insti­tu­tio­nen haben sich zu einer Redak­ti­ons­grup­pe zusammengefunden.

Juli­en Vuil­le­umier und Myri­am Schleiss vom Bun­des­amt für Kul­tur (BAK) sind die ver­ant­wort­li­chen Kräf­te die­ser Grup­pe. Nad­ja Räss ver­tritt die Hoch­schu­le Luzern (Abtei­lung Volks­mu­sik), Bar­ba­ra Betschart das Root­hu­us-Gon­ten, Marc-Antoine Camp die Hoch­schu­le Luzern (Abtei­lung For­schung), Gody Stu­der die Inter­es­sen-Gemein­schaft Volks­kul­tur Schweiz (IGV) und Emil Wal­li­mann den EJV. Natür­lich sind Gody Stu­der und Nad­ja Räss eben­falls Ver­tre­ter des EJV.

Eini­ge Lese­rin­nen und Leser fra­gen sich jetzt viel­leicht, inwie­fern die Arbei­ten die­ser Redak­ti­ons­grup­pe den Jodel­ge­sang ver­tre­ten, wie er inner­halb des EJV gelebt wird, näm­lich als leben­di­ges Brauch­tum mit sei­nen regio­na­len Eigen­ar­ten, sei­nen ehren­amt­li­chen Struk­tu­ren und sei­ner Ver­an­ke­rung in der Schwei­zer Volks­kul­tur? Als Ver­tre­ter des EJV in der Redak­ti­ons­grup­pe kann ich allen ver­si­chern, dass das Ziel der Akti­on ganz genau in die­se Rich­tung geht. Es wird die Anlie­gen und die Akti­vi­tä­ten des EJV sogar bestä­ti­gen und bestärken.

Bewah­rungs­mass­nah­men

Seit unzäh­li­gen Jah­ren wird in der Schweiz gejo­delt. Dar­aus sind wun­der­ba­re, ein­fa­che und gehör­fäl­li­ge Melo­dien her­vor­ge­gan­gen. Ein­fa­che Men­schen in den Ber­gen haben den Jodel gepflegt und auf tra­di­tio­nel­le Wei­se wei­ter­ge­ge­ben. Dies zu erhal­ten, steht an ers­ter Stel­le. Des­halb ver­langt die UNESCO von den Trä­ger­schaf­ten, die eine Kan­di­da­tur für einen Ein­trag auf der Lis­te des imma­te­ri­el­len Kul­tur­er­bes ein­rei­chen, die Anga­be von ent­spre­chen­den Mass­nah­men zur Erhal­tung und Wei­ter­ent­wick­lung der Tradition.

Um es kurz zu for­mu­lie­ren, heisst das, den Ist-Zustand des Schwei­zer-Jodelns in all sei­nen Facet­ten zu über­prü­fen, in die Zukunft zu schau­en und sich zu über­le­gen, wel­che Mass­nah­men nötig sind, damit die Tra­di­ti­on auch in 50 oder 100 Jah­ren noch gelebt und wei­ter­ge­ge­ben wird. Ande­rer­seits hat die Ein­ga­be bei der UNESCO einen sym­bo­li­schen Cha­rak­ter: Durch die Auf­nah­me auf der Lis­te der UNESCO sol­len das Jodeln, die Natur­jo­del sowie die Volks­mu­sik im All­ge­mei­nen mehr Beach­tung in den Medi­en und im öffent­li­chen Raum erhalten.

Braucht es das?

Wer sich nur in Volks­mu­sik­krei­sen bewegt und täg­lich die volks­tüm­li­chen Sen­dun­gen in den Pri­vat­ra­di­os hört, wun­dert sich jetzt sicher, dass es die­se Aner­ken­nung durch die UNESCO brau­chen soll. Wenn wir das Gan­ze mal von aus­sen betrach­ten, so sieht es nicht so rosig aus. In den offi­zi­el­len Medi­en bil­det die Volks­mu­sik klar ein Nischen­pro­dukt, wel­ches aus­schliess­lich zu dazu bestimm­ten Zei­ten gesen­det wird und nicht mehr. Es ist also völ­lig aus­ge­schlos­sen, dass an einem Vor­mit­tag mal im Radio SRF 1 ein Zäu­er­li, ein Länd­ler oder ein schö­ner Marsch zu hören wäre. Spricht man im Radio von «Schwei­zer Musik», so ist damit meis­tens der Mund­art­rock oder der volks­tüm­li­che Schla­ger gemeint. Eben­falls ist an den Schu­len das Sin­gen in den letz­ten Jah­ren zurück­ge­gan­gen und wenn noch gesun­gen wird, dann sel­ten Schwei­zer Volks­lie­der. Hier kann die UNESCO-Kan­di­da­tur mit ent­spre­chen­den Mass­nah­men ansetzen.

Durch Archi­ve, Noten­auf­zeich­nun­gen oder Stif­tun­gen (wie die Stif­tung des Unter­wald­ner Natur­jo­dels oder das Root­hu­us Gon­ten), sol­len die tra­di­tio­nel­len Jodel erhal­ten und wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Die For­schung soll sich ver­mehrt dem The­ma wid­men kön­nen, um der Her­kunft des Jodels noch mehr auf den Grund zu gehen. In Aus- und Wei­ter­bil­dun­gen soll der tra­di­tio­nel­le Jodel the­ma­ti­siert wer­den, damit künf­ti­ge Kursleiter/​innen und Dirigenten/​innen die­ses Kul­tur­gut auch kor­rekt wei­ter­ge­ben. An Schu­len soll mehr gesun­gen wer­den, wobei unse­re eige­ne Volks­mu­sik eine grös­se­re Rol­le spie­len soll. Zum Bei­spiel wäre es wün­schens­wert, dass alle Schü­le­rin­nen und Schü­ler in den ers­ten sechs Schul­jah­ren die Schwei­zer Volks­mu­sik bis hin zum Jodeln ken­nen­ler­nen. Dies wie­der­um ruft nach der Not­wen­dig­keit, dass die­ses The­ma auch in die Aus­bil­dung der Lehr­per­so­nen ein­flies­sen soll. Die­se und wei­te­re Mass­nah­men wer­den in die UNESCO-Kan­di­da­tur ein­flies­sen und so als Grund­la­ge für die wei­te­re Ent­wick­lung des Jodels in der Schweiz die­nen können.

Aus­wir­kun­gen auf den EJV

Obwohl der Zen­tral­vor­stand des EJV mit mir in der Redak­ti­ons­grup­pe nur mit einer Per­son ver­tre­ten ist, wird der Jod­ler­ver­band mit gros­ser Sicher­heit einen gros­sen Nut­zen aus die­ser Kan­di­da­tur zie­hen. Der Ent­scheid zur Auf­nah­me des Jodelns auf der Lis­te der UNESCO soll­te per Ende 2025 fal­len. Der gan­ze Pro­zess, aber ins­be­son­de­re auch das Medi­en­echo nach dem Ent­scheid der UNESCO, wer­den bestimmt posi­ti­ve Aus­wir­kun­gen bis hin­un­ter zu allen Jodel­for­ma­tio­nen mit sich brin­gen. Eine grös­se­re Akzep­tanz des Jodel­ge­san­ges, einen bes­se­ren Stel­len­wert in allen Medi­en und mehr Volks­ge­sang an den Schu­len, könn­te unse­re Situa­ti­on wesent­lich ver­än­dern. Neue Chor­mit­glie­der zu gewin­nen, könn­te ein­fa­cher und das Inter­es­se am Besuch eines Jodel­kon­zer­tes sicher grös­ser werden.

Ich bin über­zeugt, dass eine Auf­nah­me des Jodelns auf der Lis­te des imma­te­ri­el­len Kul­tur­er­bes der UNESCO einen gros­sen Gewinn für unser schö­nes Kul­tur­gut bedeu­ten wird.

Ein­ga­be und Unterstützung

Zur UNESCO-Ein­ga­be gehö­ren ein aus­führ­li­ches For­mu­lar, wel­ches das Jodeln beschreibt, aber auch alle Grün­de, war­um das Jodeln in die­ser Form bewahrt wer­den soll, zehn tref­fen­de Bil­der, wel­che das Jodeln zei­gen sowie ein kur­zer Film quer durch die Jodlerlandschaft.

Ein letz­ter wich­ti­ger Teil ist eine Ein­ver­ständ­nis­er­klä­rung (ein vor­ver­fass­tes For­mu­lar), wel­ches von ganz vie­len Per­so­nen aus der Jodel­sze­ne ergänzt und unter­schrie­ben wer­den soll­te. Je mehr Per­so­nen die­ses Doku­ment ein­rei­chen, des­to mehr Gewicht und Rück­halt bekommt die Ein­ga­be. Die­ser vor­be­rei­te­te Text kann auf der Web­sei­te des EJV/​Jodeln – UNESCO Ein­ga­be – her­un­ter­ge­la­den wer­den. Die­se Brie­fe müs­sen mit Ori­gi­nal­un­ter­schrift abge­ge­ben wer­den. Des­halb bit­te die­sen Brief bear­bei­ten und unter­schrei­ben und per Post sen­den an: Emil Wal­li­mann, Allm­end­stras­se 12, 6373 Ennetbürgen.

Wie geht es weiter?

Im Sep­tem­ber 2023 wur­de die von der Redak­ti­ons­grup­pe aus­ge­ar­bei­te­te Ein­ga­be erneut einer erwei­ter­ten Begleit­grup­pe mit vie­len Ver­tre­tern aus der Jodel- und Natur­jo­del­sze­ne vor­ge­stellt. Bereits bei einer ver­gan­ge­nen Begleit­grup­pen-Sit­zung gab es vie­le gute Rück­mel­dun­gen, die wir jetzt ver­ar­bei­ten und ein­flies­sen las­sen. Dies dau­ert nun bis Ende 2023. Im Janu­ar 2024 trifft sich die erwei­ter­te Begleit­grup­pe ein drit­tes Mal zu einer abschlies­sen­den Sit­zung. Danach folgt die Über­set­zung ins Fran­zö­si­sche und im März soll­te die Ein­ga­be für die UNESCO fer­tig­ge­stellt sein.

Das Jodeln ver­dient es, geschützt und bewahrt zu wer­den, sodass auch künf­ti­ge Gene­ra­tio­nen aus die­ser ein­zig­ar­ti­gen Musik­spar­te Kraft, Zuver­sicht und Lebens­freu­de zie­hen können.