Präsentation

Das Jodeln

Der Ursprung des Jodelns geht auf vorkeltische Zeiten zurück. Jodelnd verständigten sich Hirten und Sammler von Alp zu Alp. Heute wird zwischen dem Naturjodel und dem Jodellied unterschieden.

 

Das Jodeln, Jauchzen oder Jutzen kennt man seit Jahrtausenden auf der ganzen Welt. Bei den Urvölkern aus dem arabischen, amerikanischen, asiatischen und europäischen Raum gab es verschiedene Formen des Naturjodels. Die schweizerische Art des Jodelns ist eine Weiterentwicklung des Urjodelns. Diese begann in der Schweiz Anfang des 20. Jahrhunderts mit einer Kultivierung des Jodelgesangs. Es entstanden Jodellieder, wie sie nur in der Schweiz gesungen werden.

Zur Entstehung des Jodelns gibt es verschiedene Hypothesen:

Die Echohypothese geht davon aus, dass das Echo in den Bergen Ursache des Jodelns gewesen sein soll. Diese These konnte sich nicht halten, wurde doch auch in flachen Gegenden gejodelt.

Die Affekthypothese betrachtet lautes Rufen oder Schreien im Affekt als Urspruch des Jodelns, denn gerade Schreien bringt die menschliche Stimme zum Überschlagen. Dieser Affektausdruck kann sicher treibende Kraft gewesen sein, jodlerische Töne zu produzieren. Daraus aber die Entstehung des Jodelns abzuleiten wäre gewagt.
In der Instrumentalhypothese sollen Naturinstrumente wie Büchel und Alphorn, denen man nur die Naturtöne entlocken kann, verantwortlich für die Entstehung des Jodelns sein. Zwischen diesen Instrumenten und der menschlichen Stimme bestehen Parallelen. Auf die Melodiegestaltung des kultivierten Jodelgesangs hatte das Alphorn einen wesentlichen Einfluss. Auch im Naturjodel finden wir die Naturtonreihe des Alphorns wieder. Das beste Beispiel dafür sind die Muotataler Jutzer.
Die Widerspiegelungshypothese stammt von dem in Jodlerkreisen bekannten Musiker und Komponisten A.L.Gassmann. Er geht davon aus, dass die Jutzer und Melodien durch die Landschaft geprägt werden, in der sie entstehen, z.B. das Appenzeller Zäuerli im Unterschied zum Toggenburger Naturjodel (Hügellandschaft im Appenzellerland und eher zackige Berge im Toggenburg). Doch auch diese Hypothese bringt keine ausreichende Erklärung.
Auch die Gefühlshypothese beruht nicht auf streng wissenschaftlichen Fakten. Das älteste und zugleich wundervollste Instrument ist unsere Stimme beziehungsweise der Kehlkopf des Menschen. Sicher wurde dieses Instrument als Erstes von den Erdbewohnern gebraucht. Es gibt uns die Möglichkeit, ohne Worte Stimmungen auszudrücken. Die Stimme ist immer mit uns, und wir können mit ihr spontan durch einen Juchzer der Freude und der Ehrfurcht von der Schöpfung Ausdruck verleihen. Je mehr wir unsere Stimme trainieren, desto kultivierter wird sie.


Das kultivierte Jodeln mit Strophen hat seine Wurzeln im Tirol. Bereits im 19. Jahrhundert waren es die Tiroler, die einen einfachen Jodelgesang pflegten. Daneben war bei und der Kuhreihen (Naturjodel) schon seit dem 16. Jahrhundert erstmals dokumentiert. Das Eintreiben, das z'Alpfahren und das Melken waren oft verbunden mit Jodel. Es waren also vor allem Bauern, die des natürlichen Jauchzens und Lockens mächtig waren.


Daneben war das Singen im 19. Jahrhundert in der Schweiz stark geprägt durch eine grosse Männerchortradition. Ein Sängerfest 1905 in Zürich wurde von 10'000 aktiven Sängern bestritten. Leider fehlte es an schweizerischem Liedgut für diese Chöre, da die Volkslieder meistens im Liedsatz zu einfach waren. So sangen die Schweizer Männerchöre vor allem Lieder aus dem süddeutschen Raum. Daneben entstanden in den städtischen Turnvereinen so genannte Doppelquartette, welche das Quartettlied pflegten, meistens mit einem Bariton- oder Tenorsolo. Bekanntestes Beispiel für diese Liedgattungen ist "Die alten Strassen noch.", für viele auch heute noch eine Art Schlager des Männerchorgesangs.


Es fehlte jedoch an Komponisten, die den Quartetten das notwendige schweizerische Liedgut schrieben. Es war Oskar Friedrich Schmalz (1881-1960), der die Erlösung brachte. Der Jodelvater, wie er heute in den einschlägigen Kreisen genannt wird, veröffentlichte 1913 sein erstes Büchlein mit Jodelchorliedern und schuf damit die geeignete Liedform für die vielen Jodlerklubs, die in jener Zeit am Entstehen waren.Das Schweizer Jodellied war also geboren, ein vierstimmiges Strophenlied für Männergesang, meistens bestehend aus drei Strophen und angehängtem Jodel. Der Jodelteil wird von Solisten bestritten und untermalt mit harmonischen Begleitakkorden durch den ganzen Chor.


Trotz der Arbeit von Oskar Friedrich Schmalz bestand immer noch ein Mangel an Jodelchorliedern. Um 1920 war es Robert Fellmann, der mit passenden Kompositionen an die Öffentlichkeit gelangte. Fellmanns Gesamtwerk ist beeindruckend. Unter seiner Feder entstanden 87 Jodelchorlieder und 54 Kompositionen für Jodel-Kleinformationen. Im Sog von Fellmann kamen viele Komponisten nach wie Hans Walter Schneller, Paul Müller-Egger oder Max Lienert. Schon zur nächsten Generation ist Adolf Stähli zu zählen, der mit seinen Liedern viele Dirigenten und Interpreten begeistern konnte. Aktuelle und neu klingende Jodellieder stammen u.a. von Willi Valotti und Marie-Theres von Gunten. Mit ihren Kompositionen hat Marie-Theres von Gunten wesentlich dazu beigetragen, das Jodeln auch schönen Frauenstimmen zugänglich zu machen. Ihre Lieder werden zurzeit gesamtschweizerisch am meisten gesungen.


Weit über 100 Jahre alt ist der älteste Jodlerklub der Schweiz: Das Jodlersextett des TV Alte Sektion Zürich wurde in den 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts gegründet. Es entstand aus der Idee heraus, die älter werdenden Turner in einem Turnerchörli aufzufangen. Bei der Gründung waren es sechs Männer, darum der Name Sextett. Heute ist die Sängerzahl grösser, aber der Gründername wurde beibehalten. Später kamen Jodler aus den Alpentälern dazu. Diese Männer suchten ihr berufliches Glück in den Grossstädten. Viele dieser Abgewanderten fanden in Chören zusammen. So gab es in Zürich u.a. ein Toggenburger-Chörli oder die Berner Jodler Oerlikon. In dieser Zeit der Chorhochblüte Anfang des 20. Jahrhunderts gab es alleine in Zürich 25 Jodlergruppen.Heutzutage wird der Jodelgesang in den ländlichen Gebieten am intensivsten gepflegt, z.B. im Entlebuch, im Emmental oder im Appenzellerland.


Am 8. Mai 1910 wurde in Bern auf Initiative von Oskar Friedrich Schmalz der Eidgenössische Jodlerverband gegründet. Die Ziele und der Zweck der Verbandes sind bis heute gleich geblieben: Erhaltung, Pflege und Förderung des nationalen Brauchtums wie Jodeln, Alphornblasen und Fahnenschwingen. Im EJV sind Jodlergruppen und Einzelmitglieder angeschlossen. Er umfasst Jodlerinnen und Jodler, Alphornbläserinnen und Alphornbläser, Fahnenschwinger, Dirigentinnen und Dirigenten, Freund- und Gönnermitglieder in der Schweiz sowie Auslandschweizergruppen in der ganzen Welt.Im Laufe der Jahre hat der Eidgenössische Jodlerverband eine beachtliche Grösse erreicht. Er gliedert sich in fünf Unterverbände: Bernisch Kantonaler Jodlerverband (gegründet 1917), Zentralschweizerischer Jodlerverband (gegründet 1922), Nordostschweizerischer Jodlerverband (gegründet 1932), Nordwestschweizerischer Jodlerverband (gegründet 1935) und Westschweizerischer Jodlerverband (gegründet 1937).

 

Der Eidgenössische Jodlerverband zählt zurzeit über 20'000 Mitglieder (1911). Alle drei Jahre findet ein Eidgenössisches Jodlerfest statt, das immer grössere Formen annimmt. Dem EJV ist der Nachwuchs ein besonderes Anliegen. Seit dessen Gründung vor über zehn Jahren unterstützt er als Partner den Schweizerischen Nachwuchsjodler- und den Schweizerischen Jungmusikanten-Wettbewerb. Der Eidgenössische Jodlerverband fördert die Kinderjodlerchöre in der ganzen Schweiz. Der Nachwuchs ist das Potenzial des Jodlerverbandes. Wenn es gelingt, immer wieder junge  Menschen zu begeistern, werden Brauchtum und Traditionen auch in der Zukunft eine Berechtigung in unserer modernen Gesellschaft haben.

Quelle: Artikel "Das Jodeln" aus Buch "Unspunnenfest 1805 bis heute", Autor Turi Zwicker, Zürich.