Unsere Geschichte

Die Gründung und das Werden des WSJV (1937)

Wenn man mit einem Welschen über den Jodel spricht, oder wenn eine Zeitung etwas darüber schreibt, wird dieser Gesang als Brauchtum von jenseits der Saane bezeichnet, also ein Brauch, der von der deutschen Schweiz herkommt. Wohl hatten die Sennen der Waadtländeralpen auch ihre Gesangsbräuche, aber singen hörte man im Familienkreis sehr selten. In den Archiven findet man wenige Aufzeichnungen, die unserem Jodellied nahe stehen. Die Meisten stammen aus dem Greyerzerland und aus den schönen Voralpen um den Schwarzsee. Im Waadtland entschanden echte Volksmelodien in den Presskellern der Weinberge. Am Abend nach der Weinlese, wenn eine Flasche Wein älteren Jahrgangs zur Lustigkeit anregte, während der Presswinde den Saft aus den Trauben presste, wurde von jung und alt gesungen. Ganz selten hörte man eine zweite Stimme, geschweige denn eine Bassstimme dazu. Alle sangen die gleiche Stimme, teilweise aber in 2 Oktaven.

 

Es wäre schön, wenn diese heimeligen Melodien gesammelt und herausgegeben würden. Vielleicht liesse sich jemand finden, der daraus vierstimmige Sätze machen würde. Mit den neuen Grosskellereien und Genossenschaften verschwanden die kleinen Presskeller und mit ihnen auch der Rest eines schönes Volksbrauches. Schade um diesen Brauch, welcher die Gemütlichkeit in kleiner Gesellschaft pflegte, es war etwas für Seele und Gemüt. Heute werden meistens nur die Grossveranstaltungen besucht und in den Zeitungen beschrieben.

 

Der gesunde Idealismus in der Geselligkeit ist in Gefahr. Hoffen wir, dass unserer sauberen Folklore in der Zukunft vermehrt ein Ehrenplatz eingeräumt wird. Wir möchten damit nicht sagen, dass in der deutschen Schweiz die alten Bräuche mehr gepflegt werden als in der welschen Schweiz.

 

Nun möchten wir Ihnen die Gründung des Verbandes beschreiben.Jede Gründung eines Vereins, einer Gesellschaft oder Vereinigung hat ihre Vorgeschichte. Warum und wie der WSJV gegründet wurde, wollen wir versuchen, den heutigen Mitgliedern zu erklären. Vor der Gründung und auch während der Entwicklung in den ersten Jahren des Verbandes wurden unsere Eigenarten, der Jodel, das Jodellied, das Alphornspiel und das Fahnenschwingen als Volksbrauch der deutschsprachigen Schweiz bezeichnet, was damals auch der Tatsache entsprach. In den grösseren Ortschaften der Kantone Genf, Waadtland, Neuenburg, Freiburg und Wallis existierten Jodlergruppen, welche ausschliesslich von Deutschschweizersängern gegründet wurden.

 

Manch einer, der nur sein Welschlandjahr absolvieren wollte, blieb hängen. So entschand 1907 der Jodler-Alpenklub in Genf. Es vergingen dann doch 8 Jahre, bis 1915 in Serrières-Peseux ein Klub gegründet wurde. Es handelt sich um den heutigen Jodlerklub Neuenburg. 1917 folgte dann die Jodlergruppe Vevey. Ob wohl die Anfänge aus den Presskellern herrühren? 1918 wurde der zweite Klub in der Grossstadt Genf gegründet, das Alphüttli. 1920 entstand schon der dritte Klub in Genf. Unter dem Namen Schwyzerhüsli fanden sich chäche Deutschschweizer zusammen. In Lausanne, wo bislang kein Interesse gewesen war, fanden sich doch 1921 Kameraden zusammen und gründeten das Alpenrösli.

 

Es vergingen dann doch zwei Jahre, bis die nächste Gründung erfolgte. 1923 wurde der Jodlerklub Montreux aus der Taufe gehoben. Genf schien nun langsam die Hochburg der Westschweizer-Jodler zu werden. 1926 wurde schon der dritte Klub, die Chüeyerbuebe gegründet. Im selben Jahr wurde in der Stadt Freiburg des Alpenrösli aus der Taufe gehoben. 1923 war es dann auch im Wallis soweit. In Siders wurde das Alpenrösli gegründet. 1932 entschand in Freiburg ein weiterer Klub, das Edelweiss. Der Name Edelweiss schien damals in Mode zu sein. 1933 bildete sich der Jodlerklub Amis des Jodleurs in Lausanne. Heute nennt er sich Edelweiss Lausanne. Das nächste Edelweiss kam 1934 in Morges zum Erblühen. Ganz unten am See in Ouchy fand sich dann 1936 das Echo des Alpes zusammen. Vor der Gründung des Verbandes gab es nochmals ein Edelweiss und zwar im schönen Rebgebiet von Aigle.

 

Die Existenz einer schweizerischen Jodlervereinigung war vielen nicht bekannt. André Infanger, Gastwirt in Vevey, der an der Gründung des EJV am 8. Mai 1910 in Bern selber dabei war, kam als Solojodler und Alphornbläser in Verbindung mit den Jodlergruppen der Westschweiz. Durch seine Initiative wurden folgende Gruppen Mitglieder des EJV : 1922 Jodlergruppe Vevey, 1924 Jodlerklub Alphüttli Genf, die dann wegen Meinungsverschiedenheiten 1932 bis 1944 in Ausstand traten. 1929 war es der Jodlerklub Leysin, der aber 1938 mangels Mitglieder aufgelöst wurde. 1929 Jodlerklub Schwyzerhüsli Genf und der Jodlerklub Alpenrösli Siders, 1932 Jodlerklub Alpenrösli Lausanne. An der Delegiertenversammlung des EJV vom 22. März 1931 wurde Gottlieb Graf von Siders in den Zentralvorstand gewählt.

 

Im Jahre 1932 wird von André Infanger erstmals der Versuch unternommen, einen Westschweizerischen Jodlerverband zu gründen. Dies wurde aber vom Zentralvorstand abgelehnt. An der Delegiertenversammlung des EJV vom 22. März 1936 in Einsiedeln wurden die Gruppen der Westschweiz dem BKJV angeschlossen, respektive zugeteilt. An der Delegiertenversammlung  des BKJV vom 20. Februar 1937 in Herzogenbuchsee wird Paul Kämpf aus Vevey in den Vorstand gewählt. Paul Kämpf war an der Versammlung selber nicht anwesend. Er wurde duch die Empfehlung eines nicht genannten Mitgliedes vorgeschlagen, ohne dass die Anwesenden aus der Westschweiz gefragt wurden.

 

Es war auf der Heimreise nach der Delegiertenversammlung, als im Speisewagen der SBB, bei einer Flasche Fendant, Henri Zopfi, Fredy Salchli, beide vom Schwyzerhüsli Genf, Ernst Mathys und Willi Mosimann vom Alpenrösli Lausanne den Plan entwarfen, einen westschweizerischen Jodlerverband zu gründen. Sofort wurden alle Gruppen der Kantone Wallis, Waadt, Freiburg, Neuenburg und Genf zu einer Aussprache nach Lausanne eingeladen. Am 14. März 1937, an dem auch die Delegiertenversammlung des EJV in Zürich tagte, trafen sich in Lausanne im Café Restaurant des Lauriers 35 Vertreter von 9 Gruppen.

 

Nach kurzer Orientierung über Zweck und Ziel eines Verbandes in der Westschweiz, kam ein anregendes Gespräch zustande, aus welchem zu entnehmen war, dass mehrheitlich eine Gründung gewünscht wurde. Die einzige Sorge galt den Finanzen.

Ohne Gegenstimme wurde darauf die Gründung eines Westschweizerischen Jodlerverbandes beschlossen.

 

Der erste Vorstand, für ein Jahr gewählt, bestand aus :

Präsident : Willi Mosimann, Alpenrösli Lausanne

Vizepräsident : Fredy Salchli, Schwyzerhüsli Genf

Sekretär : Emil Kuonen, Ouchy-Lausanne

Kassier : Linus Anklin, Edelweiss Morges

Beisitzer : Emil Ägerter, Edelweiss Aigle

 

Um den jungen Verband gleich auf Trab zu halten und zu versuchen, die Kameradschaft zu pflegen, beschloss man anschliessend, im gleichen Jahre in Aigle einen Jodlertag zu organisieren. Die Gründungsversammlung endete demonstrativ mit dem Lied « Bärnerland, bhüet Gott ». Dem ersten Jodlertag der Westschweiz, im malerischen Weinbauernstädtchen Aigle, war ein voller Erfolg beschieden. Er kann als solider Grundstein des Verbandes angesehen werden. Die Gruppen, welche sich noch nicht dem Verband angeschlossen hatten, wurden an diesem schönen Junitag sofort Mitglieder des WSJV

 
1.Jodlertag des WSJV in Aigle. Gesamtchor, dirigiert von Willi Mosimann
Erster Jodlertag des WSJV in Aigle
 

Von der Gründung wurde dem Zentralvorstand Kenntnis gegeben. Es kam dann zu einer Aussprache zwischen den beiden Verbänden. Am 11. April 1937 fand in Lausanne die eidgenössische Delegiertenversammlung der Schwinger statt. Hermann Holzer, Zentralpräsident des EJV, Fritz Stuker, Zentralsekretär und Ernst Vortruba, Ehrenmitglied des EJV, kamen als Delegierte an diese Versammlung. Diese Gelegenheit wurde benutzt zur Aussprache, an welcher der Präsident, der Sekretär und der Kassier des WSJV teilnahmen. Es zeigte sich bald einmal, dass der Zentralvorstand nicht begeistert war von der Gründung. Ernst Vortruba nannte es einen Schulbubenstreich gegenüber dem BKJV. Fritz Stucker, damaliger Präsident des BKJV war dem Vorgehen unsererseits schon besser gesinnt. Fritz Wittwer, der neugewählte Zentralkassier, wurde als Verbindungsmann bestimmt.

 

Er war uns ein vorzüglicher Lehrmeister. Alle hängenden Probleme wurden friedlich gelöst.Am 25./26. September 1937 war, anlässlich eines eidgenössichen Alphornbläserkurses, eine Zentralvorstandssitzung im Eigental, zu welcher der Präsident des WSJV eingeladen wurde. Die Gründung des Verbandes wurde noch einmal besprochen. Erwähnenswert ist, dass der Sängerverband deutscher Zungen der Westschweiz die Jodlergruppen an sich ziehen wollte, dies zur Förderung der damaligen Propaganda für das Nazi-Deutschland. Gleiche Feststellungen wurden auch im zentralschweizerischen Jodlerverband gemacht. Gruppen, Alphornbläser und Fahnenschwinger wurden ins gelobte Deutschand eingeladen, grosszügig bewirtet und kamen (oder sollten) zurück als Apostel für Bestrebungen, welche nicht zu unsern Eigenarten passten.

 

Die Statutenrevision des EJV war zu gleicher Zeit in Arbeit. Durch diese Begebenheiten entstand in den Statuten, Ausgabe 1938 der Artikel 8. « Der Ausschluss wird vollzogen : Bei Verletzungen der Vorschriften über Auslandreisen. Das heisst, Varieté-ähnliche Engagements und Vertretungen unserer schweizerischen Eigenarten an fremdländischen, politischen Veranstaltungen und Kundgebungen sind untersagt. » So kamen die Zentralvorstandsmitglieder zur Einsicht, dass die Gründung eines Verbandes in der Westschweiz berechtigt war. An der Delegiertenversammlung des EJV vom 23./24. April 1938 in Grenchen, nachdem der neue Verband durch den Zentralpräsidenten Hermann Holzer gründlich vorgestellt worden war, verlangte Ehrenmitglied Ernst Vortruba das Wort. Er bedauerte seine Äusserungen von Lausanne und empfahl der Versammlung, den neuen Verband anzuerkennen.

 

Ohne Gegenstimme und mit grossem Applaus wurde der neue Westschweizerische Jodlerverband gutgeheissen und als fünfter Unterverband in die grosse Familie des EJV aufgenommen. In relativ kurzer Zeit ist somit des WSJV zu einem vollkommenen Unterverband herangewachsen.Der grosse Idealismus seitens der Vorstandsmitglieder, die auf Unkostenvergütung verzichteten, überbrückte die ersten finanziellen Hindernisse. Der WSJV wurde zu einer Brücke der zwei Sprachgebiete. Er verbindet ein Volk mit gleichen Idealen. Einigkeit macht stark und glücklich..

 

Quelle : Jubiliäumsbuch 50 Jahre WSJV 1937 - 1987